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09.05.2017, 22:30 Uhr | Pyrmonter Nachrichten/Dewezet - Autor Karin Heininger
„Jedes Dorf muss sich selber retten“
Wie sich kleine Ortschaften für die Zukunft wappnen können / Diskussion mit Experten
Wenn alle Dorfbewohner zusammen an einem Strang ziehen, wenn sie gute gemeinschaftliche Initiativen, zum Beispiel Bürgervereine, gründen, wenn sie leer stehende Häuser mit neuem Leben füllen und junge Familien anlocken, und wenn sie einen sehr langen Atem haben, um hohe bürokratische Hürden zu überwinden – dann, aber auch nur dann, kann die Rettung der Dörfer klappen.
Das jedenfalls ist die Meinung eines kompetenten Verfechters des Dorflebens, Prof. Dr. Gerhard Henkel von der Uni Duisburg
Bad Pyrmont - Den hatte Dirk Wöltje, Vorsitzender des CDU-Stadtverbandes, zu einer überparteilichen Veranstaltung eingeladen. Und der gute Besuch in der Mensa des Schulzentrums zeigte, dass dieses Thema offenbar den Menschen in der Region am Herzen liegt.

Dass er manchmal als „deutscher Dorfpapst“ bezeichnet wird, mag Henkel nicht so gerne hören. Aber da er viel bewegt hat in Sachen Dorf- und Landentwicklung, kann er aus seiner Erfahrung über negative und positive Beispiele aus der ganzen Republik berichten.

Als Mahner und Muntermacher schilderte er, wie eine veränderte Dorf-Struktur mit dem Sterben von Bauernhöfen, Kneipen, Kirchen, Dorfläden oder Schulen die Menschen verunsichert, was zur Resignation, aber auch zu Erfolgserlebnissen führen kann, wenn die Bewohner eine Menge Fantasie investieren und viel Eigenverantwortung übernehmen.

„Das Merkwürdige ist, dass bei entsprechenden Umfragen 45 Prozent der Bevölkerung gerne aufs Land ziehen würden, dass gleichzeitig aber auch 45 Prozent Leerstand in den Dörfern herrscht“, betonte Henkel. Dass der Leerstand in den Bergdörfern vor Ort „relativ gering“ sei, ergänzte Hans-Georg Koesling, der als Planer für Dorferneuerung im Pyrmonter Bereich tätig ist.

Mit der letzten Endes nicht zu beantwortenden Frage einer Zuhörerin, was zu machen sei, „wenn der letzte Lebensmittelladen auf dem Dorf schließt“, wurde das Publikum in die Diskussion einbezogen. Da kam viel Frust der Ortsvorsteher und -bürgermeister hoch, vor allem über Reglementierungen „von oben“ und behördliche Antragshürden. „Da verlieren die Leute dann die Lust und vieles bleibt liegen“, sagte Andreas Müller vom Hagen, der auch auf die wichtige Rolle eines Dorfmittelpunktes hinwies.

Die Auflagen des Denkmalschutzes machen einigen Bauchschmerzen. „Man muss sich doch fragen, was noch erhaltenswert ist. Und man muss Druck machen auf die Verwaltungen wegen der hohen Auflagen“, argumentierte der stellvertretende Landrat Friedel-Curt Redeker aus Großberkel. Er bedauerte aber auch das Desinteresse vieler Dorfbewohner: „Immer mehr Orte werden zu reinen Schlafdörfern, Vereine sterben aus und Kneipen schließen, weil keiner mehr hingeht“.

Beifall fand eine junge Zuhörerin, die kürzlich von München nach Niese gezogen ist und sich für das Dorfleben stark machte. „Einen Dorfladen kann man nur erhalten, wenn die Leute dort kaufen“, betonte sie. Er gebe der Dorferneuerung große Chancen, sagte Bürgermeister Klaus Blome. Die Verwaltungen blockierten nicht nur, doch es fehle oft an Geld. Wichtig sei es, mehr Mobilität in die Dörfer zu bringen und älteren Menschen Hilfe zu bieten.

Wie es gehen kann, schilderte Dr. Thomas Forche aus Gellersen. Dort habe ein Bürgerverein das Freibad übernommen und aus einem alten Schmiedehaus ein Haus der Begegnung geschaffen. Dazu hätte es viel Eigeninitiative der Bewohner gebraucht. „Jedes Dorf muss sich selber retten“, meinte Forche.
aktualisiert von Anja Grages, 25.11.2018, 01:21 Uhr

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